Die oberflächennahe Geologie Norderstedts wird maßgeblich durch saaleeiszeitliche Schmelzwassersande und Geschiebemergel der Weichsel-Kaltzeit geprägt, wobei die Mächtigkeit dieser Lockergesteine lokal stark variiert und im Bereich des Garstedter Moores zusätzlich organische Weichschichten auftreten. In unserer labortechnischen Praxis zeigt sich, dass seismische Tomographieverfahren hier besonders effizient sind, um die interne Struktur dieser heterogenen Ablagerungen zu entschlüsseln, bevor mechanische Sondierungen angesetzt werden. Die Kombination aus Refraktions- und Reflexionsseismik liefert ein detailliertes 2D-Geschwindigkeitsmodell des Untergrundes, das die Tiefenlage des tragfähigen Geschiebemergels oder die Basis von Torflinsen zuverlässig abbildet. Gerade in Norderstedts Neubaugebieten, wo ehemalige Moorflächen überbaut werden, lässt sich mit einer solchen seismischen Refraktionsmessung die laterale Ausdehnung problematischer Schichten präzise kartieren, ohne dass flächendeckende Bohrungen nötig werden. Ergänzend setzen wir dort, wo die seismische Geschwindigkeit allein keine ausreichende Materialansprache erlaubt, die SPT-Bohrung ein, um die Schlagzahlen direkt mit den seismischen Profilen zu korrelieren und so ein belastbares Baugrundmodell für die Gründungsplanung zu erstellen.
Die tomographische Inversion seismischer Laufzeiten liefert in Norderstedts heterogenen Lockergesteinen eine räumlich kontinuierliche Baugrundansprache, die mit punktuellen Sondierungen allein nicht erreichbar wäre.
Methodik und Umfang
Lokale Besonderheiten
Das seismische Messsystem, das wir in Norderstedt einsetzen, besteht aus einem 24-Kanal-Seismographen mit integriertem A/D-Wandler und vernetzten Geophonketten, die in der Lage sind, die geringen Amplituden reflektierter Wellen aus Tiefen von über 40 Metern noch sauber aufzulösen – essenziell, wenn unter dem Geschiebemergel die Basis der quartären Rinnenfüllung detektiert werden muss. Das größte operationelle Risiko im Stadtgebiet von Norderstedt liegt im anthropogenen seismischen Rauschen: Verkehr auf der A7 und der B432, U-Bahn-Betrieb der Linie U1 sowie industrielle Vibrationen aus dem Gewerbepark Nettelkrögen können die Registrierung später Refraktionseinsätze maskieren. Unsere Feldteams begegnen diesem Problem durch den Einsatz von vertikalen Stapelungsroutinen mit bis zu 15 Einzelschlägen pro Quellpunkt sowie durch Aufzeichnungsfenster in den frühen Morgenstunden oder an Sonntagen, wenn das Störpegelminimum erreicht ist. Ein weiterer kritischer Punkt sind die für Norderstedt typischen oberflächennahen Torf- und Muddeschichten, die seismische Energie stark dämpfen und die Eindringtiefe der Scherwellen limitieren – hier setzen wir gezielt die MASW-Methode ein, um über die Dispersionsanalyse der Oberflächenwelle trotzdem ein verlässliches Vs-Profil zu gewinnen und die dynamischen Bodenkennwerte für die Erdbebenbemessung nach DIN EN 1998-1/NA zu liefern.
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Geltende Normen
DIN EN ISO 22476-2:2012-03 – Rammsondierungen (Korrelation), DIN EN 1998-1/NA:2021-07 – Erdbebenbemessung, Baugrundklassifizierung über Vs30, ASTM D5777-18 – Standard Guide for Seismic Refraction, DWA-A 138 – Versickerungsfähigkeit (petrophysikalische Eichung über Korngröße)
Zugehörige Fachleistungen
Seismische Refraktionstomographie (SRT)
Zerstörungsfreie Kartierung von Schichtgrenzen und Verwitterungszonen mittels P-Wellen-Laufzeitinversion, ideal für die Baugrundvorerkundung in den sandig-mergeligen Wechselfolgen Norderstedts.
MASW (Multichannel Analysis of Surface Waves)
Bestimmung des scherwellengeschwindigkeits-Tiefenprofils (Vs) zur Ermittlung der Bodenklasse nach DIN EN 1998-1 und zur Steifigkeitsbewertung von Torf- und Muddelagen.
Kombinierte Refraktions-Reflexionsseismik
Hochauflösende Abbildung flacher und tiefer Reflektoren, besonders geeignet für die Erkundung quartärer Rinnenstrukturen und die Basisaufschließung von Moorgebieten wie dem Garstedter Feld.
Typische Parameter
Häufige Fragen
Welche Tiefenreichweite erreicht die seismische Tomographie in Norderstedts sandigem Untergrund?
In den überwiegend sandig-kiesigen Schmelzwasserablagerungen Norderstedts erreichen wir mit einer 48 Meter langen Geophonauslage und einem beschleunigten Fallgewicht als Impulsquelle typischerweise Erkundungstiefen zwischen 25 und 35 Metern unter GOK. Bei dichter gelagerten Sanden und Geschiebemergel, die eine höhere seismische Geschwindigkeit aufweisen, kann die Eindringtiefe auf bis zu 45 Meter ansteigen. Entscheidend ist die Energiedichte der Quelle – unser technisches Team passt die Schlagenergie und die Stapelrate an die jeweilige Messlokation an, um auch unter dem Einfluss von Verkehrslärm auf der Schleswig-Holstein-Straße noch verwertbare Ersteinsätze zu registrieren.
Was kostet eine seismische Tomographie-Messung in Norderstedt ungefähr?
Für eine typische seismische Erkundungskampagne in Norderstedt, die ein bis zwei Messtage mit 300 bis 600 Profilmetern umfasst, bewegen sich die Kosten im Bereich von €2.300 bis €5.020. Der Preis hängt von der Profillänge, der benötigten Auflösung (Geophonabstand), der Anzahl der Quellpunkte und dem logistischen Aufwand ab – etwa wenn Messungen im laufenden Verkehr auf der Ohechaussee oder in engen Baufeldern mit besonderen Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden müssen. Eine detaillierte Kostenschätzung erhalten Sie nach Sichtung der Lagepläne und der geotechnischen Fragestellung.
Können wir mit der seismischen Tomographie die Torfmächtigkeit unter unserer geplanten Halle im Gewerbegebiet Stonsdorf bestimmen?
Das ist genau die klassische Fragestellung, bei der die seismische Tomographie ihre Stärken ausspielt. Der Geschwindigkeitskontrast zwischen dem geringmächtigen Torf (P-Wellengeschwindigkeit um 400-800 m/s) und den liegenden Sanden (1200-1800 m/s) ist so markant, dass die Torfbasis als Refraktor erster Ordnung in den Laufzeitkurven erscheint. In Kombination mit einer MASW-Messung, die die Scherwellengeschwindigkeit des Torfes separat erfasst, können wir die Mächtigkeit auf ±0.3 Meter genau angeben und das Setzungspotenzial für die Gründungsplanung belastbar abschätzen.
